Lang, lang ist’s her, und deshalb ist’s heut wieder mehr...
Nach fünf anstrengenden Schultagen gab es zur Belohnung ein langes Wochenende (zur Erinnerung: am 11. Februar 1966 wurde der japanische Staat gegründet).
Freitag Abend war ich in einem Nou-Theater, von dem ich mir habe sagen lassen, dass es sogar noch traditioneller als Kabuki ist.
Es war sehr interessant, die Schauspieler (nur Männer, wie gesagt, sehr traditionell) trugen schöne Kostüme, einige auch Masken, und es wurde gesungen und Taiko (japanische Trommeln) gespielt.

Wir hatten zwar eine Inhaltsangabe, aber da wir trotzdem kaum etwas verstanden, vertrieben wir uns die drei Stunden unter anderem mit Fotos machen. Dumm nur, dass das nicht erlaubt war. Ich behaupte, es lag an der Tatsache, dass entgegen sonstiger japanischer Gewohnheit nicht überall mit Bildern und in mindestens zwei Sprachen ermahnt wurde, keine Fotos zu machen, so dass wir nicht auf die Idee kamen, dass wir etwas Verbotenes tun.
In der Pause wurden wir dann in dreifacher Ausgabe daran erinnert, mehr oder weniger freundlich; wir haben wahrscheinlich wieder die Vorurteile, die Japaner gegenüber Ausländern haben, 100 prozentig bestätigt.
Am Samstag ging es dann nach Akihabara, wo ich mir einen Zaurus gekauft habe, ein elektronischer Organizer/Wörterbuch, mit dem man auch Filme anschauen und ins Internet kann. Nein, es war kein Frustkauf, so schlimm waren die Ermahnungen am Vorabend auch wieder nicht gewesen, ich hatte mir den Kauf gut überlegt und auch tatkräftige Beratungs- und Entscheidungshilfe (da ich mir mit letzterem sehr schwer tue, gibt es auch hierfür einen Daruma, ein weiterer Vorsatz für’s Wildschweinjahr).
Am Sonntag bin ich mit einer sehr netten deutsch-japanisch-gemischten Gruppe Wandern gegangen. Wir waren auf dem Takao-san, einem Berg unweit Tokyos, von dem man einen schönen Blick auf Tokyo hat.

Und das hier ist ein sehr berühmter Baum.

(ob die Baumöffnung eine tiefere religiöse Bedeutung hat, kann ich leider nicht sagen).
Bevor ich nach Tokyo gezogen bin, hatte ich keine Ahnung, wie wichtig die Natur für den Menschen ist. Ich bin zwar auch in einer mittelgroßen Stadt aufgewachsen, aber mit einer Millionenmetropole wie Tokyo ist das wie ein Dorf. Jeden Tag in eine volle U-Bahn (obwohl ich noch Glück habe, es gibt wahrlich vollerer Züge), Menschenmassen in den Bahnhöfen, den Straßen, den Kaufhäusern, kurz: überall, dann die Enge, die überwiegenden Farbe Grau und die nicht ganz frischen Luft - ab und zu muss man dem einfach „entfliehen“, am Besten, bevor man einen Kollaps oder Schreianfall bekommt.
Dieser eine Tag an der frischen Luft ist wirklich erholsam. Umso größer ist dann der Schock, wenn man in die „Zivilisation“ zurückkehrt – Umsteigen in Shinjuku.
Man könnte fast meinen, dass die ganze Erholung und Ausgeglichenheit in Null Komma Nichts von Staunen und Verwirrung in Ärger oder Resignation übergehen, aber man hat ja gelernt, die schönen Dinge zu schätzen und sich nicht gleich frustrieren zu lassen :).

Dank der erwähnten Staatsgründung war der Montag ein Feiertag den Lars und ich nutzen, um nach Odaiba zu fahren.

Odaiba (O = Höflichkeitspräfix, daiba = „Festung“) besteht aus künstlich aufgeschütteten Inseln vor dem Tokyoter Hafen, die man über die Rainbow Bridge erreicht. Sie dient heute vor allem zur Erholung und Entspannung: es gibt einen Strand, an dem man Beachvolleyball spielen kann und einige kleine Parks.
Und da Erholung in Japan meistens mit Konsumieren und Einkaufen in Verbindung steht, dürfen mehrere große Kaufhäuser und Shoppingmalls natürlich nicht fehlen. Auch nicht zu vergessen die verkleinerte Kopie der Freiheitsstatue (mit dem Rücken zur Stadt, damit man auch schöne Fotos machen kann...).

Odaiba könnte wirklich ein toller Freizeitort sein – wäre da nicht das zwanghafte Verlangen der Japaner (ja, Vorurteil, aber es ist was wahres dran), überall ihre Vorschriften und Regeln aufzuhängen:

Ja, alles was Spaß macht, ist verboten. Und da zweisprachig, kann man sie auch nicht ignorieren und behaupten, man hätte sie nicht lesen können...
Wie auch zur Weihnachtszeit waren in den letzten zwei Wochen wieder alle Schaufenster dekoriert – mit Herzen und Blumen. Auch Valentinstag wird hier groß gefeiert (Globalisierung lässt grüßen), wenn auch ein wenig anders als bei uns: am 14. Februar schenken die Frauen den Männern (meist schwarze) Schokolade. Vier Wochen später, am „White Day“, sind dann die Männer dran, den Frauen weiße Schokolade zu schenken.
Eure Katha