Samstag, 16. Juni 2007

Aikido

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie sicher bemerkt wurde, fing ich vor einigen Wochen an, meinen blog auf englisch zu schreiben. Dazu fehlt mir im Moment leider die Zeit, deshalb werde ich ab jetzt wieder auf deutsch schreiben, sorry Mounties...

Ich habe vor einigen Wochen erwähnt, dass ich Aikido angefangen habe.

Mittlerweile habe ich das Gefühl, den eigentlichen Sinn dieser Sportart zu verstehen und schreibe aus diesem Grund erst jetzt darüber.

Hier erst einmal die wichtigsten Begriffe:

- Aikido kann mit „Der Weg der Harmonie mit der Energie des Universums“ übersetzt werden (合気道, "Ai"- Übereinstimmung, "Ki" - Lebenskraft, "Do" - (Lebens)-Weg/Methode)

- Dojo: Übungshalle: Unser längliches Dojo ist länglich und sieht folgendermaßen aus: gegenüber des Eingangs ist das kleine Privatzimmer des sensei, abgetrennt durch Schiebetüren, rechts sind Wandspiegel und links ist die Stirnseite des dojos (seht ihr auf dem Foto).





- Keiko-Gi ist die Trainingsbekleidung, bei uns eine weißer Judoanzug: Hose, Jacke und Gürtel (Obi)

- Hakama: eine sehr weite Hose, die im Aikido, Kendo, Iaido und Kyudo getragen wird

- Sensei (先生) - Lehrer

- Uke und tori – Verteidiger und Angreifer

Der Ablauf einer Trainingsstunde ist sehr genau vorgeschrieben.

Vor dem Betreten des Dojo zieht man die Schuhe aus und stellt sie in den dafür vorgesehenen Schuhschrank. Im Winter muss man auch Jacke/Mantel ausziehen.

Am Eingang kniet man sich hin verbeugt sich und in richtung der Stirnseite des Raumes.

Wenn der sensei (Lehrer) im Dojo ist, grüßt man ihn hier durch Hinknien, ist er in seinem kleinen Zimmer im hinteren Teil des Dojo, geht man zu ihm (an der rechten Seite des dojo, um niemandem im Weg zu sein), kniet sich vor die Schiebetür und begrüßt ihn.

Unser Dojo ist sehr klein, weshalb es keine richtigen Umziehkabinen gibt. Die Männer ziehen sich hinter einem Vorhang um, die frauen haben ein Kämmerchen in einer Ecke des Dojo.

Man zieht sich also um, das heißt wechselt in die Trainigskleidung, worauf zu achten ist, dass die linke Seite der Jacke über der rechten ist.

Der Obi muss auch in einer bestimmten Weise gebunden werden, damit es schön aussieht und er gut hebt.

Wenn alle umgezogen sind, beginnt das Aufwärmtraining, das meist eine/einer der Fortgeschrittenen macht: hüpfen, dehnen (vor allem die Handgelenke), Beweglichkeitsübungen und am Schluss nochmal zur Ruhe kommen. Es gibt eine bestimmte Reihenfolge der Übungen, die ich mir immer noch nicht merken kann

Wenn das Aufwärmtraining beendet ist, knien sich die Schüler/Schülerinnen an der rechten Längsseite des Dojos nebeneinander hin, gerader Rücken, Hände auf die Schenkel. Jetzt erst wird der Senei geholt. Er begibt sich zur Stirnseite des Raumes, kniet sich mit dem Rücken zu uns nieder, verbeugt sich vor dem Bild des Morihei Ueshiba , dem Begründer des Aikido (oder besser: seinem Enkel), wir mit ihm. Anschließend dreht er sich zu uns, verbeugt sich, wir verbeugen uns vor ihm und sagen „Onegaishimasu“ (laut dem deutsch-japanischen Lexikon Wadoku heißt das „Seien Sie bitte so freundlich.“), wir bitten ihn also, uns etwas beizubringen.

Während wir weiter knien, schnappt er sich einen der fortgeschrittenen Schüler/Schülerinnen und zeigt uns die erste Übung, wobei er natürlich die verteidigende Person ist und den Angreifer zu Fall bringt.

Jede Übung wird rechts und links ausgeführt, die meisten haben auch ein „Vorne“ und „Hinten“ (omote und ura).

Nach dem Vorführen geht man in Zweierpaaren zusammen (wenn es nicht aufgeht, bildet man auch ein Dreierteam und wechselt sich ab).

Ich finde es auch so toll, dass in unserem Dojo alle Grade zusammen trainieren, also so blutige Anfänger wie ich und Profis. Man lernt voneinander und niemand ist höhergestellt, nur weil er/sie einen höheren Grad besitzt.

Jede Übung wird folgendermaßen ausgeführt:

Einer ist der Angreifer, der andere verteidigt sich, vorne rechts, vorne links, hinten rechts, hinten links, und dann werden die Rollen gewechselt. Währenddessen geht der Sensei durch den Raum und schaut, ob wir auch alles richtig machen oder hilft, wenn jemand (zum Beispiel die neue Blonde) etwas nicht versteht.

Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich bewundere unseren Sensei und habe großen Respekt vor ihm. Es ist üblich, sich bei ihm zu bedanken, wenn er einem etwas erklärt oder gezeigt hat, man zollt ihm einfach Respekt.

Auch wenn unser sensei manchmal sehr geistesabwesend wirkt, kriegt er doch alles mit, ist sehr hilfsbereit und geduldig immer für einen Spaß zu haben. Wie alle sensei trägt auch er ein Zöpfchen, ob es dazu einen bestimmten Grund gibt, weiß ich nicht.


Zurück zum Training: nach etwa zehn Minuten gibt der sensei ein Zeichen, man kniet sich hin, verbeugt sich und bedankt sich bei seinem Übungspartner/-in und kniet sich wieder an der Wand gegenüber der Stirnseite hin.

Wieder wählt der sensei ein Person aus, die die nächste Übung mit ihm demonstriert und nachdem wir uns wieder bedankt haben, gehen wir in neuen Paaren zusammen und führen diese Übung aus.

Wenn die Zeit um ist, setzten sich alle wieder in die Ausgangssituation wie am Anfang (wir in einer Reihe, der sensei an der Stirnseite). Der Sensei verbeugt sich vor dem Bild des (Enkel des) Gründers des Aikdio, wir mit ihm, er dreht sich um, verbeugt sich vor uns, wir verbeugen uns vor ihm und bedanken uns. Anschließend drehen wir uns zu der Person, die neben uns sitzt, verbeugen und bedanken uns, dass sie mit uns trainiert hat, wenden uns der nächsten Person zu, verbeugen und bedanken uns, dann kommt die nächste Person usw. Man bedankt sich bei allen, auch bei denen, mit denen man an diesem Tag vielleicht nicht trainiert hat. Wenn viele Leute zum Training gekommen sind, kann das schon mal eine weile dauern, aber es gehört dazu und wird wie alles sehr ernsthaft ausgeführt.

Nachdem das erledigt ist (der sensei ist mittlweile in seinem Privatzimmer), wird das Dojo mit Besen und Staubsauger gereinigt, des lieben Ungeziefers wegen.

Wenn das erledigt ist, kann man nochmal bestimmte Würfe/Griffe wiederholen, während in einer Ecke eine Decke auf dem Boden ausgebreitet wird, auf der Tee serviert wird. Der sensei hat einen bestimmten Platz und bevor man sich einen Becher nimmt, sagt man „itadakimasu“ („Ich empfange“). Dieses Teetrinken danach finde ich auch sehr schön, es stärkt die Gemeinschaft.

Man zieht sich wieder um (die Traininskleidung kann man in dem Kämmerchen lassen und nimmt sie alle paar Tage zum Waschen mit nach Hause) und bevor man das Dojo verlässt, bedankt man sich nochmal beim Sensei, verabschiedet sich, und verbeugt sich am Ausgang nochmal in Richtung Stirnseite.


Das Ziel oder Prinzip des Aikido lässt sich gut durch ein Zitat Morihei Ueshibas erklären:

„Wahres Budo dient jedoch nicht einfach dazu, den Gegner zu zerstören; es ist viel besser einen Angreifer geistig zu besiegen, so dass er seinen Angriff gerne aufgibt“

Bevor ich Aikido anfing, wusste nur, dass es eher ein Verteidigungs- als ein Angreifsport (ich erfinde mal wieder neue Worte, bin aber für Verbesserungsvorschläge offen...) und eine Mischung aus verschiedenen Sportarten ist und aus Japan kommt.

Aber je länger ich Aikido mache und je mehr ich darüber lerne und die Prinzipien verstehe, desto besser gefällt es mir.

Der Ablauf hört sich sehr streng an, aber das macht unter anderem den Reiz des Aikidos oder anderer Kampfsportarten aus, dass die Abläufe geregelt sind. Der Mensch ist ein „Gewohnheitstier“ und man fühlt sich irgendwie geborgen, wenn man bestimmte Dinge in einer festgelegten Reihenfolge macht, das beruhigt irgendwie.

Auch das viele Verbeugen hört sich sicher seltsam und unterwürfig an, ist es aber nicht. Es ist ein Zeichen für Höflichkeit und Respekt und „gehört dazu“ :).

Ich hatte vor zwei Wochen meine erste Aikdio-Prüfung, für die ich vier Übungen vorführen. Drei Wochen vor der Prüfung hatte ich erfahren, dass die verschiedenen Übungen, die ich die letzten vier Monate gemacht hatte, auch Namen haben. Das ist eigentlich nicht so erstaunlich, eigentlich recht logisch, aber mein Japanisch ist noch nicht so gut, dass ich den Sensei wirklich verstehe und so habe ich auch nicht mitbekommen, dass er vor jeder Demonstration den namen der jeweiligen Übung genannt hatte, peinlich...

Jedenfalls hatte ich mir die Namen meiner vier Übungen aufgeschrieben (mit Kanji, so lernt man neue Vokabeln sowieso am Besten) und seitdem hatte ich plötzlich das Gefühl, die Übungen besser zu beherrschen.

Ich habe die Prüfung zur ersten Stufe gemacht, zum gokyuu (5. Kyū). Danach kommen yonkyuu (4. Kyū), sankyuu (3. Kyū), nikyuu 2. Kyū), ikkyuu (1. Kyū), anschließend die Dan-Grade, die aufwärts gezählt werden, vom 1. Dan (Shodan), hier erhält man den schwarzen Gürtel, bis zum 10. Dan (Jūdan).

Die Prüfung war an einem Freitag Abend und es gab auch hier wieder festgelegte Abläufe, einer zum Beispiel, dass die Personen mit dem niedrigsten Rang anfängt – ich. Das war aber ganz gut so, nach meiner Prüfung konnte ich mich schön entspannen und die anderen Prüfungen genießen, die recht beeindruckend waren.

In manchen Dojos ist es üblich, als Schüler/-in (die Kyū-Ränge) nur die einfache Trainingskleidung zu tragen und erst ab dem 1. Dan einen Hakama. Doch in unserem Dojo dürfen auch anfänger den Hakama tragen.

Ich habe meinen erst am Tag der Prüfung bekommen, da auf Grund meiner Größe keiner vorrätig war und extra einer angefertigt werden musste.

Und ich liebe meinen Hakama! Ganz ehrlich, er sieht einfach schick aus. Normalerweise ist der Hakama ganz schwarz, aber in unserem Dojo ist er vorne weiß und hinten schwarz.






An dieser Stelle lasse ich mir mal wieder von Wikipedia helfen...

In Kampfkunstkreisen werden die sieben Falten des Hakama gerne mit den sieben Tugenden der Samurai assoziiert:

  • Jin () - Güte
  • Gi () - Gerechtigkeit/die rechte Entscheidung
  • Rei () - Höflichkeit/Etikette
  • Chi () - Weisheit/Intelligenz
  • Shin () - Aufrichtigkeit
  • Chugi (忠義) - Loyalität
  • Meiyo (名誉) - Ehre/Respekt

Der Sensei war total lieb und hat mir gezeigt, wie man den Hakama anzieht, was ziemlich kompliziert ist und bei Ungeübten schon gute fünf Minuten dauern kann. Ich habe mich wie ein kleines Kind gefühlt, das sich noch nicht selber anziehen kann...

Es gibt auch eine bestimmte Art, ihn zusammenzulegen, was bei mir auch noch etwas länger dauert, aber es wird langsam...

Zum Veranschaulichen hier noch ein kurzes Video, das ich gewählt habe, weil es nicht so viel Schnick-Schnack beinhaltet.


Letztes Wochenende waren wir mit dem Dojo in einem Art Trainingslager ausserhalb Tokyos.

Es war sehr nett und lustig und ich habe viele nützliche Dinge und Vokabeln gelernt, die aber nicht besonders gut auf meinen Blog passen...

Wir kamen Samstag Mittag an, haben zur Begrüßung Tee getrunken und unsere Zimmer (Tatami-Zimmer) belegt. Anschließend haben wir zwei Stunden trainiert. Es war ein besonders Training, da wir als eine Art Belohnung nach der Prüfung mit japanischen Holzschwertern üben durften. Offiziell beginnt man erst ab dem 1. Dan, mit Waffen zu trainieren und ich verstehe jetzt auch, warum. Es ist wirklich sehr viel schwieriger und auch die Verletzungsgefahr ist viel höher, da beide Personen genau wissen müssen, was sie tun, sonst kann es leicht schief gehen. Aber es hat Spass gemacht und das ist ein weiteres Ziel, auf das ich hinarbeiten werde.

Nach dem Training haben sich alle im Ofuro (Bad) erfrischt, bevor es in unserem „Essens- und Aufenthaltsraum“ Abendessen gab.



Erschöpft aber zufrieden stand dann die nächste, besonders anspruchsvolle Herausforderung bevor: Karaoke.

Alle, die mich kennen, wissen, dass ich absolut nicht singen kann und mir das auch ziemlich peinlich ist. Mut antrinken kann ich mir auch nicht, da heißt es nur: Augen zu und durch.

Mein erstes Lied habe ich mit einer sehr netten jungen Japanerin gesungen, ich habe den Titel schon wieder vergessen, aber es ist ein japanisches Kinderlied, welches ich auch im Sprachkurs in Bochum gesungen habe (wer zu spät zum Unterricht kam, musste zur Strafe ein Lied singen, also konnte ich es noch ganz gut, „ganz“ ist hier ein relatives wort).

Der Abend war sehr lustig, aber nach fünf Stunden war ich dann doch erleichtert, als wir zum Abschied ein Aikido-lied sangen und alle ins Bett gingen.

Am nächsten Morgen wurden wir um sechs Uhr geweckt und es ging zum Frühsport an den Strand, an dem für diese Uhrzeit erstaunlich viele menschen waren. Um halb Acht gab es Frühstück (mit Nattou – ich hatte es schon zwei mal probiert, und habe es auch dieses mal wieder getestet, mag es aber nicht) und von acht bis zehn haben alle nochmal geschlafen.

Statt Training musste jede Person anderthalb Minuten Übungen vormachen, die gefilmt wurden. Natürlich wollten alle glänzen und haben sich möglichst schwere Würfe/Griffe ausgesucht, ich habe da leider noch nicht so viel Auswahl.

Zum Abschluss hat unser Sensei sich zwei der Besten vorgeknöpft: sie haben ihn abwechselnd angegriffen und er hat uns demonstriert, wie fit und gelenkig er trotz seines Alters (75!) noch ist.

Nach einem Strandspaziergang und Mittagessen wurden wir zum Bahnhof gebracht und fuhren wieder nach Tokyo. In einem Cafe haben wir einen Abschiedstee getrunken woraufhin wir unsern Sensei zu einem Taxi begleitet und ihn alle gemeinsam verabschiedet haben.

Am nächsten Tag hatte ich einen Prüfung in der Schule, das erste mal mit Aufsatz.

Das thema: 私の趣味 – Mein Hobby/Meine Hobbys. Das hat perfekt gepasst, ich hätte auch noch zwei Seiten mehr über mein neues Hobby schreiben können.

Aber ich glaube, euch reicht es jetzt auch :)

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Liebe Katha, das ist alles sehr spannend, weil Du Informationen gibat, aber auch über Dich redest. Ich werde den ganzen Artikel nochmals in Ruhe nachlesen.
Über die Knoten gibt es eine Theorie: dass Männer denKnotennoch tragen, weil er aus der Zeit des Matriarchats stamme - wenn ein Mann den Knoten des Gewandes der Priesterin lköste, dann war er Köniog über ein Jahr. Das steht bei der Schweizerin in dem Buch über Symbolik, wie heißt sie denn?
Bei den Männern sei das auch in die Krawatte übergegangen, bei den Frauen in so niedliche Schleifchen.

Gruß für heute,
Deine Mama